Be brave – Heimkommen nach der Langzeitreise

25.11.2019 Julie Metzger Keine Kommentare
Rückkehr von der Reise - Reiseblog Bravegirls

Mutig sein. Das muss man wohl um allein auf Reisen zu gehen. So wird’s dir jedenfalls immer und immer wieder gesagt… »Wow, Respekt, ich würde mich das nicht trauen!« oder »Das ist echt mutig von dir!« Ja. Vielleicht ist es mutig, sein Zuhause – damit meine ich seine Familie, seine Freunde und seine Gewohnheiten und Sicherheiten – für Wochen bis Monate zurückzulassen und einen besonderen Lebensabschnitt mit vielen Abenteuern allein zu gehen.

Egal aus welchen Gründen du dich dazu entschieden hast zu reisen und egal, wie sehr du dein Zuhause die gesamte Zeit in deinem Herzen trägst: Wenn du wieder daheim bist, wirst du feststellen, dass du ein Stück deines Herzens in der Welt gelassen hast und dass es bei weitem nicht das Mutigste war loszuziehen. 

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Irgendwann ist er da, der letzte Abend deiner Reise

Du kommst zurück. In meinem Fall bin ich also 13 Monate gereist, um dann nach einer 24-stündigen Heimreise wieder in die Berliner Großstadt geschmissen zu werden. Dass und wann ich nach Hause komme. habe ich kaum jemandem erzählt. Zum einen, weil es ein paar Menschen zu überraschen gab, zum anderen war es purer Selbstschutz. Ich wollte selbst entscheiden, wann ich wen sehe und wie viele Wiedersehen ich schaffe. Ist das egoistisch? Ja, eventuell. Bereue ich es? Definitiv nein.

Denn der Instagram Post zwei Wochen später mit der Info, dass ich wieder zu Hause bin, war kaum raus und schon ging es los: Nachrichten über Nachrichten. »Wann sehen wir uns? Du musst alles erzählen!« Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich tagelang unbeantwortete Nachrichten in meinem Handy. Du bist für Wochen ‘n Highlight. Alle wollen dich sehen. Du lebst wie in einer Blase.

Du genießt den Luxus, den du hier hast. Die funktionierende warme Dusche, dein eigenes Bett. Das Lieblingscafé an der Ecke. Was auch immer es sein mag. Du freust dich, bekannte Gesichter wiederzusehen und deine Familie und Freunde in die Arme zu schließen. Deine lange Reise rückt in den Hintergrund, bis du irgendwann mal ein paar Stunden für dich hast und die Chance hast zu realisieren, dass du wieder zurück bist. Und bleibst. 

Heimkehr nach Langzeitreise - Reiseblog Bravegirls
Welcome back – Feiern daheim nach 13 Monaten Reise

Wie anstrengend die erste Zeit ist, merkst du auch erst zu diesem Zeitpunkt. Du versuchst Verabredungen zu koordinieren, Papierkram zu erledigen und nebenbei wirst du wahrscheinlich vollkommen reizüberflutet sein. Und während alle anderen dich ganz schnell wieder als normalen Teil ihres Lebens wahrnehmen, struggelst du noch immer. Plötzlich hast du kaum Zeit für dich.

Du kommst zurück in ein Land, wo die Straßen wie frisch gefegt aussehen. Wo dich keiner anlächelt und fragt, wie es dir geht und ob ihr nicht was zusammen essen wollt, weil du dusslig irgendwo rumstehst. Wo es unglaublich viele Regeln gibt. Wo 18 Uhr auch wirklich 18 Uhr heißt und keine Spanne von 18:01 – 18:59 zulässt. Wo du am besten direkt nach der Landung zum Arbeitsamt gehst, damit auch bloß kein Tag bei deiner Rente fehlen wird.

Du struggelst. Nur ahnt das keiner. Es ist ja schließlich dein Zuhause, wo du alles in und auswendig kennst. Du bist wieder bei deiner Familie, bei Freunden. Eigentlich müsste doch alles super sein?! Und du, du vermisst vielleicht das Chaos der indischen Straßen oder die laute afrikanische Musik, die aus den Nachbarswohnungen tönt. Hier musst du deine Musik besser leise hören.

Du vermisst das Gedränge in Bussen, das nette Verhandeln mit Rickshaw-Fahrern und Obstverkäufern. Das Kennenlernen neuer Menschen und anderer Reisender, die ganz genau deine Gefühlslage verstehen können. Vielleicht vermisst du auch einfach die Ruhe, die du hattest, wenn du irgendwo mitten im Nichts gewandert bist und deinen Gedanken freien Lauf lassen konntest.

Du bist überfordert mit all den Möglichkeiten. Du hast plötzlich wieder viel mehr Raum zur Verfügung als 20 kg Rucki Gepäck. Und du fragst dich warum, denn das letzte Jahr über ging es doch auch nur mit diesen Klamotten?

Aber sagen tust du wenig. Dass ein »Wie geht’s dir?« selten eine wirklich ernst gemeinte Frage ist, lernen wir alle schon in Kindertagen. Dass viele von deinen Freunden dein Gefühl nach der Reise nicht verstehen können, lernst du jetzt. Aus »Du musst alles erzählen!« wird zu 95% »Und wie wars?«, dicht gefolgt von »Wo war’s am Schönsten?«. 

Innerhalb von ein paar Tagen hatte ich meine Standard-Antwort parat, vor der es mich mittlerweile schon so sehr graust, dass ich sie gar nicht mehr aufschreiben möchte. Wirklich tiefgründige Fragen bezüglich deiner Reise sind rar. Von manchen Menschen enttäuscht es dich, andere aber überraschen dich  mit ernst gemeintem Interesse. Das ist schön. Und manchmal witzig zu sehen, wie die erstgenannte Fraktion dann erstaunt zuhört, wieviel du doch zu erzählen hast. 

Ob ich mich wieder eingelebt habe, lautet die Frage drei Tage nach meiner Ankunft. Standard-Antwort: »Es ist schon noch ungewohnt alles. Ich genieße mein eigenes Bett und eine warme, funktionierende Dusche. Aber ja, wird schon.« Naja der Alltag wird dich schneller als gedacht wieder haben … Bitte nicht!

Wie geht es jetzt weiter? Tja, für mich hieß es noch einen Monat frei zu haben (sehr empfehlenswert) und dann wieder anfangen zu arbeiten. Drei Tage die Woche. Worüber ich Witze mache (na, wir wollen es ja nicht gleich wieder übertreiben), meine ich es aber absolut ernst. Ich habe dazu gelernt. Das LEBEN bietet so viel mehr als das große Geld zu verdienen (ok, mit diesem könnte man natürlich gleich wieder reisen…).

Der wahre Reichtum ist Zeit zu haben. Zeit für Sport. Zeit zu lesen. Zeit etwas Neues zu lernen. Zeit für Freunde. Zeit, auch mal allein zu sein. Einfach Dinge tun, die man genießt.

Und trotzdem wirst du erstaunt angeschaut und musst dich immer wieder erklären, warum du denn nun keine Vollzeitstelle annimmst. Du musst doch mal wieder was Sinnvolles machen in deinem Leben. Du hattest doch gerade ein Jahr Urlaub. Ich erspare mir an dieser Stelle meinen Kommentar. 

Du wirst trotz allem wunderbare Tage haben, natürlich. Es ist dein Leben, du genießt es. Und du bist glücklich, so alles in allem. Aber dir wird immer wieder auffallen: Am meisten vermisst du die Freiheit. Die Freiheit zu gehen, wenn es du Neues sehen und erleben willst. Die Freiheit, die du spürst, wenn du in die unendliche Weite schaust. Die Freiheit zu tun und zu lassen was du möchtest. Und dieses Gefühl beengt dich. 

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Get lost in the wind – daheim eine Aufgabe für sich

Als ich meine Reise antrat, dachte ich nicht, dass die Zeit mich stark verändern würde. Ich dachte, ich weiß was ich möchte im Leben und dass ich charakterlich recht gestärkt bin. Um ehrlich zu sein, dieses ganze Gerede von wegen Reisen verändert dich von Grund an und es wird nichts so sein wie zuvor, fand ich irgendwie lächerlich.

Und dann kommst du zurück und merkst, dass du dich doch verändert hast. Und das kann positiv sein und manchmal auch nicht. Ansichten sind anders. Lebensweisen verändern sich.

Freundschaften sind vielleicht nicht mehr so wie du sie kanntest. Und trotz allem bist du gestärkt. Du weißt, was richtig ist für dich. Du musst bloß mutig genug sein, dies jetzt auch durchzuziehen. Kämpfe dagegen an, dich wieder in alte Gewohnheiten pressen zu lassen, die dir vielleicht gar nicht mehr taugen. Trenne dich von dem, was nicht zu dir passt. Lass jegliche Gefühle zu, sei glücklich mit dem, was du hast und sei auch ruhig mal traurig.

Hol dir deine Freiheit durch Spaziergänge, Fahrradtouren, Tagesausflüge. Und versuche so viel Leichtigkeit des Reisens wie nur möglich in dir zu halten und die kleine Reiselücke in deinem Herzen damit zu füllen. Der mutigste Schritt am Reisen ist das nach Hause kommen und sich all dem zu stellen. Aber du bist ein Bravegirl, du schaffst das.. und wenn alles mal ganz schwer erscheint denk daran.. es wird schon 😉 

Julie Metzger
Julie Metzger

Eine Berliner Göre, mit großer Klappe und viel Herz erfüllt sich die gelernte Ergotherapeutin derzeit ihren großen Traum und reist allein kreuz und quer um die Welt. Und das am liebsten per Bus und Bahn und über Couchsurfing. Ihr Motto „lass dich nicht unterkriegen – sei frech, wild und wunderbar“ (A. Lindgren) lebt sie sowohl zuhause als auch unterwegs. Ein Lieblingsland? Das gibt es nicht, das Herz schlägt natürlich (!) für die Heimatstadt Berlin, jedoch fühlt sie sich auch anderswo auf der Welt sehr schnell zuhause, besonders wenn sie sich mit einem Glas Wein in der Hand oder an einem Streetfood-Stand wiederfindet :) Instagram: @juu.lieeeee

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